A L L E S   W I R D   S I C H   H I E R   V E R Ä N D E R N .
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roduktion für theater 2008 + Begleitausstellung + Film

"Hast du Angst?" / "Nein... Nein. Ich hab keine Angst." / "Keine Angst?" / "Nein. Ich hab keine Angst, weil... Das wäre ja in gewisser Weise eine Position der Niederlage, oder? Nein... Ich glaube dass man schon ein bisschen Vertrauen haben sollte, auch in die Zukunft."

"Wenn jemand gesagt hätte, dass man in Alaska gut Geld verdienen kann, ich wär' nach Alaska."



Kühles Licht und scheinbar unendliche Weite. Fünf Personen treffen auf einer riesigen stillgelegten Müllkippe zusammen, der Boden ist vergiftet vom Abfall der modernen Zivilisation. "Es gibt sogar Kaninchen hier, auch ein paar Hunde, Eulen und jede Menge Ratten". Der Besitzer hat sie eingeladen, das Niemandsland zu besiedeln und neu zu gestalten. Ein riesiges Einkaufszentrum soll hier entstehen, Sportplätze, Parks und Wohnanlagen. Versprochen sind blühende Landschaften. Nicht nur "die Regierung hängt hier irgendwie mit drin", auch ausländische Investoren haben sich angekündigt: Die Japaner haben schon zugesagt und vielleicht kommen auch noch die Chinesen. Die fünf sind entschlossen hier jetzt durchzuhalten, mitzumachen und als Pioniere auf den fahrenden Zug aufzuspringen, um irgendwann das Stück vom Kuchen abzubekommen, das ihnen endlich zustehen könnte: "Wer nicht mitmacht, wer zu spät kommt, der wird hier einfach über kurz oder lang verschwinden. Alles wird sich hier verändern."



Während die Figuren sich provisorisch auf dem Grundstück einrichten, erzählen sie Geschichten von ihren täglichen Strategien des Überlebens, vom nicht enden wollenden Teufelskreis einer prekären Existenz, der sich nicht nur in ihrem eigenen Leben spiegelt, sondern auch in dem ihrer Eltern und Großeltern. Doch trotz aller Rückschläge, die jeder erfuhr, wenn sie immer wieder vor den Trümmern dessen standen, was unter großer Mühe aufgebaut wurde, verweisen die Geschichten doch auch und zu aller erst auf die mannigfaltige menschliche Schöpfungskraft im Angesicht harter äußerer Umstände, mutig und würdevoll eingeschlagene Wege weiter zugehen: "Wenn du gezwungen bist, aus Scheiße Bonbons zu machen und aus Erbrochenem Gold, Bares, Cash, die Miete und das tägliche Brot, dann wird dir schon was einfallen." Bewegt werden dabei auch die Fragen, die das gemeinsame Siedeln hervorbringen: Fragen nach der Sorge um das Gemeinwohl und der gegenseitigen Fürsorge, nach möglicher Sicherheit und nötiger Reglementierung des gemeinsamen Lebens.



Dass der Fokus der Erzählungen auf dem menschlichen Überleben in einer überaus ungesicherten Umwelt und Gesellschaft liegt, erinnert mitunter an die miserablen Lebensumstände in den Slums und Elendsvierteln der sogenannten dritten Welt. Das kommt nicht von ungefähr: Der 8. Theaterproduktion der freien Produktionsgruppe unitedOFFproductions unter der Regie von Dieter Krockauer liegt ein mehrwöchiger Rechercheaufenthalt in Mexico-City zugrunde, einer Stadt, in der etwa 25 Millionen Menschen ihr tägliches Überleben fernab von jeglicher sozialen und existentiellen Sicherheit in großer Armut meistern müssen. In den grauen Elendsvierteln der Stadt, die teilweise fernab von Kanalisation, Elektrizität und öffentlicher Sicherheit wildwuchernd entstehen, leben drei von vier Bewohnern von der Hand in den Mund, von einem Tag zum nächsten, ohne eine eigenständig gewählte und planbare Zukunft überschauen zu können. Die tägliche Improvisation der Alltagsorganisation ist eine der Hauptfähigkeiten der dort lebenden Menschen im Angesicht der unstabilen Grundlebenssituation. Der mexikanische Schriftsteller Juan Villoro bezeichnet diese Improvisationsfähigkeit als eine <Kultur der Postapokalypse>: "Wir Mexikaner leben im Glauben, dass das Schlimmste schon vorüber ist; dass das, was wir im Moment durchmachen, Ergebnis, nicht Vorbote einer Katastrophe ist."

Wenn das improvisiert-prekäre (Alltags-)Leben in Mexico-City Ausdruck eines Gefühls der Postapokalypse ist, leben wir hier in Deutschland und in Europa in einer Phase der Prä-Apokalypse? Ist die allerorten diskutierte Stagnation Ausdruck einer lähmenden Starre, wie sie das Kaninchen im Angesicht einer Schlange befällt? Es scheint fast so, denn die hiesigen politischen Herausforderungen erscheinen mitunter unüberwindbar: Hohe Arbeitslosenzahlen lassen die Schere zwischen Arm und reich sich weiter öffnen, Armut und gesellschaftlicher Abstieg bedrohen auch die Verdienenden, die Sozialsysteme stehen vor dem Zusammenbruch, die Solidargemeinschaft wird allerorten in Frage gestellt, die Staatsschulden erdrücken und scheinen zur Privatisierung des Gemeinschaftsbesitzes zu zwingen, während die Wirtschaft mit Abwanderung droht. Der ehemals fürsorgende Staat will nur noch ein Minimum an Grundversorgung leisten: "Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, (...), die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um sie - und nur um sie - muss sich Politik kümmern." (P. Steinbrück, Finanzminister).



Ausgehend von der These, dass ein Land wie Mexiko eine sozial-wirtschaftliche Situation erlebt, auf die auch Europa und Deutschland in den kommenden Jahren im Zuge zunehmender neoliberaler Sachzwänge zusteuern könnte, ist <ALLES WIRD SICH HIER VERÄNDERN> ein bizarres Science-Fiction-Spiel, dass die scheinbar perspektivlose Gegenwart konsequent zu Ende denkt. Gezeigt wird aber auch eine zeitgenössische Schöpfungsgeschichte, die menschlichen Mut und Kreativität entgegen aller äußeren Umstände beeindruckend darstellt: "Wir haben angefangen, wieder aufzubauen. Ich wollte ein Haus, ein richtiges Haus, mit Dach und so, ein Zuhause."

Basierend auf dem Recherchematerial der Mexico-Reise entstanden neben dem Theaterabend auch der Dokumentarfilm <DER GESANG DES TZENTZONTLE> (El Cantar del Tzentzontle/In span. Sprache; dt. Untertitel/Dauer ca. 50 Min.) sowie eine Fotoausstellung über das Leben im öffentlichen Raum der größten Stadt Amerikas, die die Theateraufführungen begleiten. Während die Ausstellung visuelle Eindrücke der regsamen Dichte des Stadtraumes beeindruckend darstellt, versammelt der Film die Originalstimmen der geführten Interviews mit Anthropologen, Putzfrauen, Müllmännern, Künstlern, Studenten und Dienstleistern des informellen Arbeitssektors: "Es ist Morgen, die Stadt erwacht. Aus der Höhe, auf einem Hochspannungskabel sitzend, betrachtet der Tzentzontle, der Vogel der 400 Stimmen, die scheinbare Unermesslichkeit des sich unter ihm ausbreitenden Müllabladeplatzes, das Chaos... Dann fokussiert er seinen Blick. Er hat Hunger. Die tägliche Suche nach Nahrung beginnt aufs Neue". Es ist der vielstimmige <GESANG DES TZENTZONTLE>, der sich aus der Offenkundigkeit des Ringens um das alltägliche Fortkommen erhebt; In dem gleichnamigen Dokumentarfilm finden einzelne Bewohner Mexico-Citys ihr Echo in diesem Gesang. Zu sehen und hören sind sieben Personen, deren einzelnen Geschichten sich zu einer gemeinsamen Geschichte verdichten, die wie die unzähligen Wasserstraßen der prähispanischen Stadt Mexico vernetzt ineinander fließen. Erzählt wird von der mühevollen und zugleich wundersamen Erschaffung der Stadt, der Verortung der einzelnen Biografien in ihr und der scheinbar unerschöpflichen Quelle, aus der sich die menschliche Kraft speist, der Zukunft angesichts der Misere dennoch vertrauensvoll und entschlossen ins Auge zu sehen.



Theaterproduktion:
mit: Mirca Preißler, Julia Schleipfer, Graciela Glez. de la Fuente, Marco Wittorf, Stefan Barmann
Regie: Dieter Krockauer
Dramaturgie: Henriette Dushe
Regieassistenz: Katharina Povel
Produktion: Frauke Luther

Filmproduktion:
Regie/Dramaturgie: Graciela González de la Fuente
Script: Graciela González de la Fuente, Dieter Krockauer
Kamera: Julia Schleipfer, Dieter Krockauer
Fotos: Henriette Dushe, Mirca Preißler
Schnitt: Volker Schreiner

Eine Produktion von unitedOFFproductions.
Eine Koproduktion mit dem Ballhaus Ost Berlin, dem Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf und der Commedia Futura in der Eisfabrik Hannover.
Gefördert vom Land Niedersachsen, der Niedersächsische Lottostiftung, der
Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und dem Kulturinstitut der Stadt Braunschweig.






+++ Fotos: Johannes Zappe


















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