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H a u s t i e r e
produktion für theater // 2006
videotrailer
Konsum ist alles. Konsumieren unsere Bestimmung. Außerdem ist Konsum das sichtbare Zeichen von Fleiß. Und ohne Fleiß kein Preis. Überfluss war lange geradezu eine Frage des bürgerlichen Anstands und der Ehre. Die Zeiten haben sich geändert. Angeblich sind die fetten Jahre vorbei. Klar, nach wie vor gibt es Gewinner und Verlierer, nur die Verlierer werden immer mehr. Wer heute verarmt, ist kein Einzelfall mehr, sein Scheitern ist Teil eines viel größeren Prozesses. Wer seine Arbeitskraft nicht mehr verkaufen kann, gilt als "überflüssig" und wird auf der sozialen Müllhalde entsorgt. Für den Rest bleibt der informelle Sektor.
Dabei haben immer mehr Menschen das Bedürfnis, endlich wieder etwas Sinnvolles zu tun.
Doch leider hat unsere Gesellschaft den Sinn für das Sinnvolle verloren.
Wer kann helfen?
Fünf Leute bereiten sich auf die Zukunft vor. Auf eine Zeit jenseits von "Arbeit" und sinnlosen, selbstvergessenen Produzierens. Sie sind bereit, sich einzuschränken, wollen aufhören damit, alles als selbstverständlich anzusehen. Sie sind neurotisch, aufgekratzt, verängstigt, durchgeknallt, zerrissen. Idealisten ohne nennbares Ideal, verwahrloste Fanatiker ohne konkreten Gegenstand für ihren verwahrlosten Fanatismus.
Sie wissen: so wie bisher können sie nicht mehr weitermachen.

mit: Mirca Preißler, Julia Schleipfer, Graciela González de la Fuente, David Jeker, Marco Wittorf
Regie, Bühne, Textfassung: Dieter Krockauer
Licht: Mathias Filbrich
Premiere: 01. Februar 2006, Forum Freies Theater (FFT), Düsseldorf
09. Februar 2006, LOT-Theater, Braunschweig

Eine Koproduktion mit dem Forum Freies Theater (FFT), Düsseldorf
gefördert von:
Land Niedersachsen, Niedersächsische Lottostiftung, Fonds Darstellende Künste e.V., Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Kunststiftung NRW

P r e s s e s t i m m e n
Die Braunschweiger/Berliner Gruppe United-Off-Productions gibt mit ihrem Gastspiel am Wochenende in der Schaubühne nicht vor, Mittel zu haben gegen die wirtschaftsliberale Erledigung des politischen Geschäfts. Aber sie stellt Fragen, vor allem an die Konsum-Orientierung des Einzelnen. Dabei schöpft das Stück aus zahlreichen kulturellen Deutungssystemen zum richtigen Leben und klinkt sich immer wieder am messianischen Heilsgedanken ein, etwa, als Dirk im hysterischen Anfall das Küchengeklapper beendet wie Jesus das Marktgeschrei im Tempel.
Mirca Preißler, Julia Schleipfer, Graciela González de la Fuente, David Jeker und Marco Wittorf [...] ziehen [...] den Zuschauer hinein in ein Gehege der Ratlosen. Immer wieder bauen sie um, machen mit anderen Figuren "alles neu und besser", und suggerieren in dieser bissigen Verquirlung von Marketing-Strategie und Hannah Ahrendts Prinzip des Anfangs, dass dieser nicht nur Jesus oder Dirk möglich sein müsse: "Neue Ideen, neue Zusammenhänge, neue Rahmenbedingungen!"
Das ist alles andere als plakativer Trash, vielmehr ein von Regisseur Dieter Krockauer kunstvoll konstruiertes Labyrinth aus Deutungen menschlichen Tätigseins, das in die Widersprüche und Dilemmata der protestantischen Arbeitsethik führt. Die anspruchsvoll-verspielte, von Mathias Filbrich fantastisch beleuchtete Inszenierung ringt mit sehr allgemeinen Fragen nach dem Wert von Arbeit und Konsum, von politischer Gestaltung und Anteilnahme, die sich die Gesellschaft kaum mehr vorlegt.
(Leipziger Volkszeitung, Stefanie Möller, 23. Juli 2008)
Es gibt viel Musik. Beim Rock immer die volle Dröhnung, aber auch zartere Töne von Spinett und Sitar. Damit ist so in etwa der Rahmen gesteckt für eine 70-Minuten-Weltschau der Extreme.[...]
Die Braunschweiger Gruppe unitedOFFproductions präsentiert mit ihrer neuen Produktion im Juta verschiedene Ausbruchsversuche aus der Käfighaltung des domestizierten Menschen. Haustiere, so der Titel, sind Leute, die sich sichtbar aufreiben an einer Aussenschau ihrer Innenwelt. [...] Wie eine Musterkollektion aus der Abteilung Verhaltenstherapie stellt sich die Sammlung alternativer Lebensentwürfe der Betrachtung des Publikums. Denn eines gilt auf jeden Fall: man möchte alles richtig machen, gefällig sein und gefallen. Immer wieder heißt daher die Devise: Wir bauen jetzt noch mal um, nur für Sie. [...]
Die multimediale Textcollage von Dieter Krockauer geht unter die Haut. Gleichgültig wie bemüht der theoretische Überbau erscheinen mag auf der Bühne zeigt sich das Leben als Sprung aus dem Brutkasten: wer die dünne Eihülle verlässt, riskiert alles und gewinnt nichts. Doch was ist die Alternative?
(Rheinische Post, Düsseldorf, Claus Clemens, 03.02.2006)
Die Performer legen sich ins Zeug: Sie bauen um, bereiten den Tisch, erzählen Geschichten, schreien und prügeln sich. Sie ziehen sich an, um und aus, tanzen nackt im Hintergrund.
Die Augenscheinlichkeit ihrer Anstrengung könnte uns davon befreien, gründlich zu urteilen, würde Roland Barthes sagen. Da kriegen wir ja was für unser Geld. Doch nein: immer wieder halten die fünf inne. Was wäre, wenn jemand einfach nichts täte? Nichts produzierte? Sich hinlegte, nicht äße, sich nicht wüsche, nicht arbeitete, einfach gar nichts mehr machte. Wer sagt, dass man immer produktiv sein muss, dass alles Nutzen bringen soll, dass Freizeit dazu dient die Arbeitskraft wiederherzustellen? [...]
Mirca Preißler, Julia Schleipfer, Graciela González de la Fuente, David Jeker und Marco Wittorf bereiten sich vor auf die Zeit nach der Arbeit, in der die Regeln des Tausches nicht mehr funktionieren, entlarven die zwanghafte Produktivität unserer Gesellschaft: Bedeutet Freiheit nicht auch, sich verweigern zu können?
(Neue Rhein Zeitung, Düsseldorf, Ruth Heynen, 03.02.2006)
+++ Fotos: Michael Fuchs

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